{"id":487,"date":"2021-10-03T22:24:05","date_gmt":"2021-10-03T20:24:05","guid":{"rendered":"https:\/\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/start\/?p=487"},"modified":"2021-10-03T22:24:37","modified_gmt":"2021-10-03T20:24:37","slug":"the-art-of-living","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/start\/2021\/10\/03\/the-art-of-living\/","title":{"rendered":"The Art of Living"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Man macht sich ja so seine Gedanken, bevor man nach Afrika zieht. Viele sogar, und wir besonders viele. Und dann erlebt man doch t\u00e4glich so unz\u00e4hlbar viele \u00dcberraschungen. Zumeist positiv:<\/p>\n\n\n\n<p>So sind hier viele beh\u00f6rdliche Dinge unglaublich gut geregelt. Z.B. unser Visum\/Resident permit: online beantragt, 5 Dokumente hoch geladen, Best\u00e4tigungs-SMS erhalten, eine Woche sp\u00e4ter abgeholt. Definitiv einfacher als sich in Deutschland von der GEZ ab zu melden &#8211; f\u00fcr alle, die das schon einmal versucht haben (wo denn mein Radio steht, wenn ich im Ausland bin, wurde ich einst von dem zust\u00e4ndigen Beamten gefragt, denn ich k\u00f6nnte es ja f\u00fcr jemand anderen zum Empfang bereit halten &#8211; und dann m\u00fcsse ich nat\u00fcrlich weiter Geb\u00fchren zahlen. Logisch, oder nicht?)<br>Wenn man dann hier meint, man h\u00e4tte es verstanden, l\u00e4uft es doch wieder anders. Ich w\u00fcrde eine TIN ben\u00f6tigen, eine Steuernummer. W\u00e4re gar kein Problem, nur zur zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde fahren, dort w\u00e4re das eine Sache von 5 Minuten. Bei dieser Zeitangabe sollte man schon stutzig werden. \u00dcberhaupt die Einfahrt finden, Desinfektionsma\u00dfnahmen, Metalldetektor passieren, nach dem richtigen Stockwerk fragen, ziellos in den falschen Gang laufen, irgendwann irgendwohin dirigiert werden, um dann von einem wirklich hilfsbereiten Beamten zu h\u00f6ren: Leider arbeiten wegen Corona alle f\u00fcr TIN zust\u00e4ndigen Mitarbeiter im Homeoffice. Sehr geschickt. Mein fragender Blick bedurfte keiner \u00dcbersetzung, denn der nette Beamte wies mich auf einen Zettel mit verschiedenen Namen und Telefonnummern hin, der an der Wand hing. Nach l\u00e4ngerem, bestimmt 10-min\u00fctigem Abw\u00e4gen empfahl er mir die erste Nummer. Hierunter w\u00fcrde ich die beste Mitarbeiterin erreichen. Oh nein, dachte ich, was f\u00fcr eine Mission. Falsch gedacht: Mein Telefonat mit ihr dauerte keine 2 Minuten. Ich solle ihr ein Foto von Reisepass und Visum schicken, per Whatsapp. Drei Tage sp\u00e4ter bekam ich dann auch meine TiN &#8211; nat\u00fcrlich auch per Whatsapp. Zu viel Datenschutz macht das Leben nur umst\u00e4ndlicher&#8230; (-;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_22-18-41.jpg?w=400&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-494\"  srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_22-18-41.jpg?w=719&amp;ssl=1 719w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_22-18-41.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_22-18-41.jpg?resize=174%2C116&amp;ssl=1 174w\" sizes=\"(max-width: 719px) 100vw, 719px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><br>Grunds\u00e4tzlich ist es in Rwanda so, dass vieles l\u00e4nger dauert als man denkt und berechnet. Schafft man es, sich von seinem Terminkalender zu l\u00f6sen, wird das Leben wunderbar entschleunigt. Beispielsweise wollte ich ein paar Bretter und Leisten kaufen, um einige einfache M\u00f6bel zu bauen. Nun haben wir einen sehr netten Nachtw\u00e4chter, Nyandwi hei\u00dft er. Das bedeutet \u201eder 7\u201c &#8211; und hat weniger mit James Bond als vielmehr mit seinen 6 \u00e4lteren Geschwistern zu tun. Als Guard wacht er allerdings nicht die ganze Nacht und kann uns daf\u00fcr tags\u00fcber bei vielen Dingen des t\u00e4glichen Lebens helfen. Nur spricht er leider kein deutsch (war zu erwarten). Obendrein auch kein englisch oder franz\u00f6sisch (ist in Muhanga leider auch oft der Fall). Das ist nat\u00fcrlich an sich kein Problem und bei einer Schulbildung am staatlichen Einrichtungen auch die Regel, nur macht es unsere Kommunikation dank meiner Kinyarwanda-Kenntnisse, f\u00fcr die rudiment\u00e4r schon eine \u00dcbertreibung w\u00e4re, nicht wirklich einfacher. Nachdem ich ihm also mit H\u00e4nden, F\u00fc\u00dfen und google translate erkl\u00e4rt habe, was ich ben\u00f6tige, fahren wir ins Industriegebiet. Dort will ich mir meine Bretter aussuchen, allein es gibt gar keine. Daf\u00fcr aber dicke Holzplanken. Also lerne ich, dass man die Planken kauft, die dann vor Ort auf die gew\u00fcnschte Breite und Dicke ges\u00e4gt und gehobelt wird. Also zumindest ann\u00e4hernd. Nat\u00fcrlich erst, nachdem man eine Weile um den Preis gefeilscht und versucht hat zu verhindern, dass man nur krumme und marode Planken verkauft bekommt. Sehr spannend zu sehen. So kaufe ich also 20 Bretter und 10 Leisten in 90 Minuten. Man muss sich eben nur l\u00f6sen von diesem Zeitdruck. Die Qualit\u00e4t meiner Bretter war steigerungsf\u00e4hig, aber nun wei\u00df ich wie es funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_21-17-24-edited-1024x682.jpg?w=400&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-493\"  srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_21-17-24-edited.jpg?resize=1024%2C682&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_21-17-24-edited.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_21-17-24-edited.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_21-17-24-edited.jpg?resize=174%2C116&amp;ssl=1 174w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/photo_2021-10-03_21-17-24-edited.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Und man muss lachen k\u00f6nnen im Alltag. Am besten gemeinsam mit anderen, denn die lachen auch oft \u00fcber uns. Das ist schon irritieren, wenn man allerdings in Begleitung eines Dolmetschers unterwegs ist erf\u00e4hrt man, dass die Ruander bei ihrem Lachen fast ausschlie\u00dflich positive Dinge \u00fcber uns sagen. Was scheint wie ausgelacht werden ist also meist eher ein herzliches angelacht werden. Mitlachen hilft.<br>Neben der Disziplin des Mitlachens gibt es auch noch die des \u00fcber-sich-selbst-Lachens. Fast noch wichtiger: Unser Garten glich mehr einem Ackerland, und nachdem wir etliche Pflanzen gekauft und gepflanzt hatten (der Kaufprozess dauerte Tage und ist eine eigene Geschichte wert) blieb noch die Herausforderung, dort Gras wachsen zu lassen. Dieses w\u00e4chst hier im Allgemeinen sehr schnell, ob man nun daran zieht oder nicht &#8211; nur wenn es eben gar \u00fcberhaupt noch keines gibt kann man A nirgends ziehen und B w\u00e4chst auch nichts. Diese Problematik habe ich mehrfach mit Nyandwi er\u00f6rtert, und ihm versucht mit Hilfe von Englischem-Rasen-Fotos zu erkl\u00e4ren, was ich m\u00f6chte. Imbuto brauchen wir, Imbuto f\u00fcr Gras, also Gras-Samen. Nayndwi verstand und wir zogen los. Zun\u00e4chst auf den Markt. Zwischen all dem Obst und Gem\u00fcse h\u00e4tte ich nie Grassamen erwartet, aber man wird hier h\u00e4ufig \u00fcberrascht. So auch dieses mal. Denn er zeigte mit \u00c4pfel und Papaya, die h\u00e4tten ja auch Samen. Wieder z\u00fccke ich mein Handy, zeigen Bilder von Gras und Samen und sage Imbuto Imbuto, und: Er versteht. Hier sind wir falsch bedeutet er mir, ach so, wir m\u00fcssen ans andere Ende der Stadt. Dort angekommen werden wir nun Konservendosen mit Karotten und Erbsen angeboten, und ich verzichte darauf herauszufinden, ob es sich um Samen oder das fertige Gem\u00fcse handelt. In einer Mischung aus Verst\u00e4ndnislosigkeit, Frust und Belustigung zeige ich nun auf jedes St\u00fcck Gras das wir passieren, und siehe da, am n\u00e4chsten Tag bekomme ich meinen Rasen. Nur wird dieser hier nicht ges\u00e4t, sondern in Form von einzelnen kleinen Grasb\u00fcscheln \u00fcber die ganze Fl\u00e4che verteilt gepflanzt. Da ist dann selbst google translate machtlos&#8230;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/IMG_4802-4.jpg?resize=400%2C250&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-491\" width=\"400\" height=\"250\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Es gibt noch so viele Geschichten dieser Art, von dem Versuch, an Lillies Geburtstag Schwimmen zu gehen, von der Beglaubigung einer Kopie von der Kopie oder vom unerwarteten Besuch der Familie unseres Guards.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Endeffekt lernen wir uns lernen wir, Kultur und Sprache zu verstehen, zu lachen, und immer einen Plan B zu haben. Oder, im n\u00e4chsten Level angekommen, eben gar keinen konkreten Plan zu haben. Nur ist das mit den Kindern nicht immer ganz so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Netterweise machen es uns die Ruander mit ihrer freundlichen, aber unaufdringlichen Art so leicht wie m\u00f6glich. Trotzdem f\u00e4llt es uns nicht immer so leicht, wie es in den Geschichten danach klingt. An manchen Tagen ist es so richtig schwer &#8211; besonders wenn die Kinder das Haus nicht verlassen wollen, aus Angst angestarrt zu werden. Oder wenn man zur\u00fcck denkt, was man an den letzten drei Tagen h\u00e4tte schaffen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch so langsam sp\u00fcrt man diese leise Vorahnung, dass man sich an diese Lebensweise auch ein St\u00fcck gew\u00f6hnen k\u00f6nnte&#8230; Und wir freuen uns, wenn Jakob dann doch mit den Nachbarjungs Fu\u00dfball spielt als h\u00e4tten wir eine Lohnerh\u00f6hung erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie anstrengend ist es hier, in einer fremden Kultur, an manchen Tagen. Und wie leicht f\u00fcr uns, die wir mit Geld hier sind, freiwillig, ein sch\u00f6nes Haus haben, ein Auto. Dann denke ich an so manche Fl\u00fcchtlinge in Europa, in einer Situation wie wir, fremde Kultur, fremde Sprache, keine Ahnung wie man Bretter kauft. Und dann noch kein Geld, kein Auto, und keinen, der mit einem lacht auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute hat mich doch gleich ein Ruander in gutem Englisch hier in unserer Nachbarschaft gefragt, ob ich noch Freunde brauche, und mich dann gleich in die Geheimnisse unseres Viertels eingef\u00fchrt. Wie dankbar war ich f\u00fcr diese Begegnung, it made my day!<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Menschen die sagen, Gott habe ihnen genau gesagt, dass hier oder dort ihr Platz ist. So etwas konnten wir noch nie von uns behaupten. Aber uns beschleicht das Gef\u00fchl, dass wir hier an einen Ort gef\u00fchrt wurden, an dem wir geben und nehmen, lernen und Leben teilen d\u00fcrfen, so dass wir und die Menschen hier davon profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgen starte ich Versuch #3, unser Auto auf mich um zu melden. Vielleicht ist das auch eine Geschichte wert. So wie auch der Besuch des Gottesdienstes hier&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe (-*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man macht sich ja so seine Gedanken, bevor man nach Afrika zieht. Viele sogar, und wir besonders viele. 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