{"id":713,"date":"2022-04-21T21:52:26","date_gmt":"2022-04-21T19:52:26","guid":{"rendered":"https:\/\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/start\/?p=713"},"modified":"2022-04-22T23:00:37","modified_gmt":"2022-04-22T21:00:37","slug":"mein-tag-mit-paul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/start\/2022\/04\/21\/mein-tag-mit-paul\/","title":{"rendered":"Mein Tag mit Paul"},"content":{"rendered":"\n<p>Er ist 13 Jahre alt und ich nenne ihn hier Ishimyimana Paul. Schon als ich ihn das erste mal sah, fiel es mir schwer, nicht weg zu sehen. Das Hinsehen fiel mir allerdings auch schwer. Das war vor einigen Wochen, als ein deutsches Chirurgenteam hier in Kirinda war, um verschiedene Operationen durch zu f\u00fchren. Auch Paul kam mit seiner Mutter und der Frage, ob ihm nicht geholfen werden konnte. Er hat an beiden Wangen und an der Stirn gro\u00dfe Schwellungen, Geschwulste k\u00f6nnte man sagen. Aber nein, konnte man leider nicht. Denn diese Geschwulste sind Krebs, genauer ein B-Zell Lymphom. Vor 2 Tagen begegnete ich ihm erneut, auf der Kinderstation. Er kam diesmal total entkr\u00e4ftet und mit einem hartn\u00e4ckigen Husten. Durch die Erkrankung hatte er kaum noch Blut in sich, doch nach mehreren Transfusionen ging es ihm heute schon etwas besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise gibt es in Ruanda stellenweise wirklich gute Medizin. So gibt es ein Krebszentrum im Norden, das durch die amerikanische Organisation Partners in Health aufgebaut wurde. Hier war Paul schon einmal behandelt worden, vor \u00fcber 2 Jahren, vor Corona &#8211; leider mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg. Irgendwann ging die Mutter dann nicht mehr mit ihm zum n\u00e4chsten Termin, es gelingt mir nicht zu erfahren warum. Sie gibt mir einen Umschlag, darin sind ca. 20 Zettel, verknickt, abgegriffen. Kassenbelege, Verwaltungsformulare, und auch einzelne medizinische Berichte. Ein richtiges Bild kann ich mir davon nicht machen, aber immerhin finde ich eine Telefonnummer &#8211; und erreiche sogar noch den selben Arzt, der Paul damals mit betreut hat. Bei den h\u00e4ufigen Wechseln der \u00c4rzte hier im Land ist das eine positive \u00dcberraschung. Nach einem kurzen Gespr\u00e4ch bittet er mich, s\u00e4mtliche Befunde &#8211; wie k\u00f6nnte es anders sein &#8211; per Whatsapp zu schicken. Ohne dieses Medium kommt man hier im Land nicht klar. K\u00fcrzlich wurde ich sogar in die Whatsapp Gruppe ruandischer Kinder\u00e4rzte aufgenommen. Mit der verh\u00e4lt es sich allerdings etwas ambivalent: einerseits bekomme ich nun viele wichtige Informationen, andererseits noch viel mehr Gratulationen zu Hochzeiten oder bestandenen Pr\u00fcfungen&#8230; Jedenfalls bittet mich der Arzt, Paul eine Gewebeprobe zu entnehmen und zu ihm zu senden. Da dies mangels Chirurg in unserer Klinik nicht m\u00f6glich ist, kommunizieren wir mit dem n\u00e4chst gr\u00f6\u00dferen Haus. Es braucht ca. 4 Anrufe um die Vorstellung dort zu organisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann erkl\u00e4rt die Mutter, sie m\u00f6chte das nicht. Es w\u00e4re auch zu einfach gewesen. Wie so oft sind es die begrenzten finanziellen M\u00f6glichkeiten, die einer besseren Behandlung im Weg stehen. Sie hat noch weitere famili\u00e4re Probleme, ihr Mann ist auch krank und kann kein Geld verdienen, da sind die 10-15 Euro, die sie wohl f\u00fcr die Probeentnahme inklusive Transport br\u00e4uchte, unerreichbar. Leider erlebe ich so etwas h\u00e4ufig, und das obwohl in Ruanda vergleichsweise viele Menschen eine Krankenversicherung besitzen. Laut offiziellen Angaben sind es fast alle, in der Praxis immerhin so 70 % in unserem Gebiet hier. Diese Versicherung, \u201eMutuelle\u201c genannt, kostet pro Kopf und Jahr 3 Euro, daf\u00fcr werden 90 % der Krankenhauskosten \u00fcbernommen. Auch Paul hat Mutuelle, aber es bleibt eben noch zu viel \u00fcbrig, wenn die Rechnung insgesamt um die 100 Euro betragen w\u00fcrde. Das teuerste w\u00e4re der Transport mit dem Krankenwagen in die andere Klinik. Dann sollen sie doch mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln fahren, schlage ich vor. Doch zwischen Kibuye, wo sich das andere Krankenhaus befindet, und Kirinda verkehrt leider kein Bus. Die Sozialkasse unserer Klinik ist chronisch leer, was in erster Linie an dem mangelndem Zufluss liegt. Ich wei\u00df inzwischen, dass auch die Lokalverwaltung in besonderen H\u00e4rtef\u00e4llen ihre B\u00fcrger finanziell unterst\u00fctzen kann, und schlage das vor. Theoretisch schon, hei\u00dft es aber es w\u00fcrde so 3-4 Wochen dauern, um das zu kl\u00e4ren, hei\u00dft es.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam steigt in mir der Frust. Ich sehe die d\u00fcnnen Arme des Jungen und frage mich, wie lange er wohl noch zu leben hat. Und wie sein Alltag wohl aussieht, so entstellt und schwach. Wir haben ihm schon etwas hochkalorische Nahrung gegeben. Auch ein einfaches Medikament, das in unserer Krankenhausapotheke leider fast nie vorr\u00e4tig ist, habe ich ihm aus Muhanga, wo wir wohnen, mit gebracht. Um zumindest ein paar kleinere Problemchen, die seine Krankheit mit sich bringen, zu lindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke eine Weile dar\u00fcber nach, aber ich wei\u00df genau, dass die Entscheidung eigentlich schon gefallen ist. Ich will nicht in das System hier eingreifen, will nicht einfache L\u00f6sungen durch ausl\u00e4ndisches Geld anbieten, die so verschwinden wie sie kamen, sobald ich eines Tages nicht mehr hier bin. Das w\u00e4re nicht nachhaltig. Nachhaltig, ein Wort, ein Modewort, das mir wichtig ist, das mich auch wirklich herausfordert, anstrengt. Aber es ist nicht die einzige Herausforderung in diesem Zusammenhang: Was mich an Jesus schon immer fasziniert hat ist die Aufforderung, zu lieben. Den anderen wie mich selbst, und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wie w\u00fcrde unsere Welt aussehen, wenn wir Menschen das umsetzen k\u00f6nnten? Leider fehlt mir gelegentlich die genaue Ausarbeitung dessen, was das in der jeweiligen Situation bedeuten mag. Auch finde ich das Wort Nachhaltig nicht in der Bibel. War ich anfangs sehr darauf bedacht, keine Abh\u00e4ngigkeiten zu schaffen, indem ich Geld gebe, musste ich diesen Gedanken inzwischen etwas relativieren. Die Abh\u00e4ngigkeiten im medizinischen Sektor sind l\u00e4ngst vorhanden, und werden auch in den n\u00e4chsten Jahren vorhanden sein. Kaum ein Ger\u00e4t der Klinik wurde selbst gekauft, auf fast allem befindet sich ein Aufkleber, der auf die spendende Organisation hinweist. Moderne Medizin ist &#8211; auf das durchschnittliche Einkommen in Afrika bezogen &#8211; einfach viel zu teuer. Unser R\u00f6ntgenger\u00e4t: gespendet. Die zwei Ultraschallger\u00e4te: gespendet. Der neue 100 m lange \u00fcberdachte Weg zur Notaufnahme: gespendet. Die Behandlung von Krebspatienten im Norden des Landes: w\u00e4re ohne ausl\u00e4ndische Gelder nicht denkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich mit einem der jungen \u00c4rzte hier in Kirinda telefonisch \u00fcberlege, was zu tun ist, h\u00f6re ich mich sagen, was mir eigentlich auch schon vor einer Stunde klar war: wenn es keinen anderen Weg gibt, k\u00fcmmer ich mich um das Geld, daran soll es in diesem Fall nicht scheitern. Ich f\u00fcge noch hinzu: das Geld kommt nicht von mir, sondern von irgendjemandem in Deutschland. Ich will sicher nicht als der gro\u00dfe Spender auftreten. Und es stimmt sogar, denn selten kommt es vor, dass mir Bekannte von zu Hause etwas Geld geben, das ich wie in solchen F\u00e4llen unb\u00fcrokratisch verwenden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Deutschland kenne ich diese Probleme nicht (oder zumindest nur extrem selten). Unsere soziale Absicherung (sogar f\u00fcr mich, der ich gerade hier in Ruanda bin) ist so gut, dass keine Behandlung an den Transportkosten scheitern w\u00fcrde. Oder daran, dass man sich eine Standarttherapie nicht leisten kann (ich wei\u00df, es gibt ein paar ganz wenige Ausnahmen). Das eigenartige ist, das man erst mit Blick auf die Probleme hier erkennt, wie gut man es hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gibt noch einen weiteren Aspekt: h\u00e4tte Paul\u2019s Familie nicht schon so viel Geld besorgen m\u00fcssen in den letzten Monaten, w\u00e4ren sie nun wie viele andere zu Bekannten und Verwandten gegangen, um sich das Geld zu leihen. Und nach 1 Woche w\u00e4ren sie wieder gekommen, mit dem Geld. Zumindest l\u00e4uft das meistens so. Insofern hatte Paul dieses Mal einen Musungu-Bekannten, der ihm hilft, so wie sich hier alle gegenseitig helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich werde nicht der geldgebende Bekannte von allen Patienten hier, oft sage ich \u201enein\u201c. Trotzdem war es in diesem Fall richtig so. Denke ich. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich bef\u00fcrchte, dass man Paul\u2019s Krebserkrankung am Ende trotz allem nicht wird heilen k\u00f6nnen. Aber wie k\u00f6nnte man es unversucht lassen&#8230;?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist 13 Jahre alt und ich nenne ihn hier Ishimyimana Paul. 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