{"id":774,"date":"2022-06-22T23:19:53","date_gmt":"2022-06-22T21:19:53","guid":{"rendered":"https:\/\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/start\/?p=774"},"modified":"2022-06-22T23:21:06","modified_gmt":"2022-06-22T21:21:06","slug":"ein-bisschen-forrest-gump","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/start\/2022\/06\/22\/ein-bisschen-forrest-gump\/","title":{"rendered":"Ein bisschen Forrest Gump"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich spiele ich in Kirinda abends mit jungen M\u00e4nnern aus Krankenhaus und Dorf Fu\u00dfball. Mir macht das viel Spa\u00df, da beim Fu\u00dfballspielen die sonst manchmal so schwer \u00fcberbr\u00fcckbaren Unterschiede in sprachlicher, materieller, kultureller und ethnischer Hinsicht pl\u00f6tzlich unerheblich sind. Nun, Herausforderungen gibt es schon, diese liegen allerdings eher in meiner langsam verflie\u00dfenden jugendlichen Energie, den vielen Kaninchenl\u00f6chern auf dem \u201eRasen\u201c und den K\u00fchen und Kuhfladen auf der Au\u00dfenbahn, die manches Mal einen zus\u00e4tzlichen Abwehrspieler geben. Beeindruckend ist dabei auch die Einstellung meiner Ball-Gastgeber: sie sind sehr ehrgeizig und wollen gewinnen, und doch darf jeder mitspielen, auch wenn er von 5 P\u00e4ssen 3 zum Gegenspieler und 4 ins Seitenaus spielt. Das ist eine tolle Mischung und befreit mich mittelm\u00e4\u00dfig begabten Kicker &#8211; auch wenn dann der Musungu doch noch etwas mehr kommentiert wird als die anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzten Donnerstag also nahm mich wieder einer unserer jungen \u00c4rzte mit zum Kicken, diesmal allerdings auf einem anderen Platz (der nicht weniger bauliche Herausforderungen mit sich bringt). Davor trafen wir noch den Direktor einer lokalen Schule, der ebenfalls teilnehmen wollte. Auf dem Weg zum Spielfeld stellte sich dann jedoch heraus, dass der Schulleiter davon ausgegangen war, dass wir alle zusammen joggen w\u00fcrden, was mehr seiner Leidenschaft entsprach als das Jagen eines Balles. Die mir aufgedr\u00e4ngte Entscheidung f\u00fcr unsere 3er Gruppe zu treffen blieb mir am Ende doch erspart, da beim Anblick des Fu\u00dfballplatzes sich erstens der junge Arzt nicht mehr zur\u00fcckhalten konnte und sofort einer Mannschaft anschloss und zweitens ich mich aufgrund der gro\u00dfen Menge an spielw\u00fctigen und deutlich j\u00fcngeren Einwechselspielern dann schnell f\u00fcr die Laufeinheit erw\u00e4rmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Also zogen wir los.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir liefen auf kleinen Pfaden den Hang hinunter, auf der staubigen Schotterstra\u00dfe, die nach vorbeirauschenden Autos einem schlangenf\u00f6rmigen Sandsturm \u00e4hnelte, \u00fcber den gro\u00dfen Nyabarongo Fluss, an dessen Br\u00fccke stets Maiskolben gegrillt und verkauft werden, um dann schlie\u00dflich in einen angenehmen Weg die H\u00fcgel hinauf einzubiegen. Und H\u00fcgel gibt es hier wahrlich genug, bzw. es gibt eher kaum gerade oder ebene Strecken, und dabei ist kaum noch \u00fcbertrieben. Landschaftlich ist dieses St\u00fcckchen Erde daf\u00fcr schwer zu \u00fcberbieten, und joggen ist wohl neben Fahhradfahren die beste Art, st\u00e4ndig in neue wundersch\u00f6ne T\u00e4ler zu blicken und \u00e4rmliche und doch sch\u00f6n gemachte H\u00e4user und Menschen zu bestaunen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"427\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6576.jpg?resize=640%2C427&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-775\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6576.jpg?w=640&amp;ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6576.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6576.jpg?resize=174%2C116&amp;ssl=1 174w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn man allerdings glaubt, man h\u00e4tte diese Idylle f\u00fcr sich, dann hat man sich get\u00e4uscht. Nun hatte ich einen sehr angenehmen Joggingpartner. Er sprach ausreichend Englisch, um sich zu verst\u00e4ndigen, es gab genug gemeinsame Themen und wir konnten auch schweigend nebeneinander her laufen, ohne dass diese Stille ungem\u00fctlich w\u00e4re. Dar\u00fcber hinaus gab es noch eine weitere Verbindung zwischen uns: auf seinem Trikot, dass er zum Laufen trug, erkannte ich nach mehrmaligen Hinsehen die Aufschrift FC Reutlingen (oder SC oder so \u00e4hnlich). Als ehemaliger t\u00fcbinger Student, der sogar sein Praktisches Jahr in Reutlingen absolvierte, kommt einem das in Afrika fast wie ein Familientreffen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur, wie dies in Ruanda eben so ist, wenn man als Wei\u00dfer auf dem Land unterwegs ist, man bleibt nicht allein. Zun\u00e4chst schlossen sich uns 2 Teenager an, von denen einer ein Huhn auf dem Arm trug. So liefen also der Lehrer, der Muzungu, die Teenager, das Huhn, und der Bauer mit den Gummistiefeln, der gerade vom Feld kam, gemeinsam den H\u00fcgel hinauf &#8211; weil wir nunmal den gleichen Weg hatten. Und dann tut man sich eben zusammen. Sp\u00e4ter, nachdem unsere Trainingspartner ihr Ziel l\u00e4ngst erreicht hatten, waren es ein junger Mann mit seiner Kuh, die uns begleiteten, kurz danach 5 Grundsch\u00fcler auf dem Weg nach Hause. Gesprochen wurde nicht viel, nicht einmal das sonst oft geh\u00f6rte \u201egive me money\u201c. Der Lehrer unterhielt sich nat\u00fcrlich kurz mit den Sch\u00fclern, und alle freuten sich wenn ich meine wenigen Kinyarwandaphrasen mehr oder weniger geschickt einsetzte. Kurz vor der Nyabarongobr\u00fccke schloss sich uns eine Gruppe junger Erwachsener an, in Feierlaune und teilweise zus\u00e4tzlich motiviert vom Genuss berauschender Getr\u00e4nke &#8211; sowie eine Mutter mit auf dem R\u00fccken geschnallten Baby. Sp\u00e4testens jetzt f\u00fchlte ich mich an den Klassiker Forrest Gump erinnert, die entsprechende Szene ist sicher allen bewusst (Ansonsten sollte man den Film dringend ansehen). Auch wenn es hier nat\u00fcrlich nicht so war, dass ich andere zum Laufen motivierte, entstand doch immer wieder so eine kurze nette Gemeinschaft, die eben durch Sport so beispiellos einfach zu erreichen ist.* Und dieses gemeinsame auf dem Weg sein verbindet, und dazu muss der Weg noch nicht einmal lang sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"427\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_5997.jpg?resize=640%2C427&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-776\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_5997.jpg?w=640&amp;ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_5997.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_5997.jpg?resize=174%2C116&amp;ssl=1 174w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende wurde es langsam dunkel, nein schnell dunkel, aber dieser kurze Moment der D\u00e4mmerung, in dem die sch\u00f6ne und saftig gr\u00fcne ruandische H\u00fcgellandschaft gerade noch zu erkennen ist, die Temperaturen sich dem Optimum f\u00fcr Marathonrekorde ann\u00e4hern und in dem sich \u00fcber dem m\u00fcden L\u00e4ufer ein endloser Sternenhimmel aufspannt, allm\u00e4hlich aufleuchtet, als w\u00fcrde jemand unendlich langsam einen Dimmschalter drehen &#8211; in diesem Moment f\u00fchlte ich mich so zu Hause, so befreit von vielerlei Anstrengung, so dankbar dem guten Gott, der wie ich glaube dies alles irgendwie komponiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gleich ist er schon vorbei, der Moment, so wie eben wenige Kilometer s\u00fcdlich vom \u00c4quator der Vorhang f\u00e4llt. Und wo gerade noch warmes Abendlicht war herrscht umwijima &#8211; Dukelheit (oder auch Leber, aber das passt gerade nicht in den Kontext). Dort oben leuchten die Sterne, und unten leuchten wir, n\u00e4mlich die wei\u00dfen Beine des Musungu und der Schriftzug FC Reutlingen am R\u00fccken des Schulleiters.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"427\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6574.jpg?resize=640%2C427&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-778\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6574.jpg?w=640&amp;ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6574.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wir-sind-dann-mal-in-afrika.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_6574.jpg?resize=174%2C116&amp;ssl=1 174w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In jeder Nacht, die mich umf\u00e4ngt, darf ich in deine Arme fallen.<br>Und du, der nichts als Liebe denkt, wachst \u00fcber mir, wachst \u00fcber allen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jochen Klepper<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>*Durch Musik vielleicht ebenso, allerdings sorgen meine musikalischen F\u00e4higkeiten eher zum Aufl\u00f6sen jeder Art von Gemeinschaft<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelegentlich spiele ich in Kirinda abends mit jungen M\u00e4nnern aus Krankenhaus und Dorf Fu\u00dfball. 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