The Art of Living

The Art of Living

3. Oktober 2021 2 Von Jörg

Man macht sich ja so seine Gedanken, bevor man nach Afrika zieht. Viele sogar, und wir besonders viele. Und dann erlebt man doch täglich so unzählbar viele Überraschungen. Zumeist positiv:

So sind hier viele behördliche Dinge unglaublich gut geregelt. Z.B. unser Visum/Resident permit: online beantragt, 5 Dokumente hoch geladen, Bestätigungs-SMS erhalten, eine Woche später abgeholt. Definitiv einfacher als sich in Deutschland von der GEZ ab zu melden – für alle, die das schon einmal versucht haben (wo denn mein Radio steht, wenn ich im Ausland bin, wurde ich einst von dem zuständigen Beamten gefragt, denn ich könnte es ja für jemand anderen zum Empfang bereit halten – und dann müsse ich natürlich weiter Gebühren zahlen. Logisch, oder nicht?)
Wenn man dann hier meint, man hätte es verstanden, läuft es doch wieder anders. Ich würde eine TIN benötigen, eine Steuernummer. Wäre gar kein Problem, nur zur zuständigen Behörde fahren, dort wäre das eine Sache von 5 Minuten. Bei dieser Zeitangabe sollte man schon stutzig werden. Überhaupt die Einfahrt finden, Desinfektionsmaßnahmen, Metalldetektor passieren, nach dem richtigen Stockwerk fragen, ziellos in den falschen Gang laufen, irgendwann irgendwohin dirigiert werden, um dann von einem wirklich hilfsbereiten Beamten zu hören: Leider arbeiten wegen Corona alle für TIN zuständigen Mitarbeiter im Homeoffice. Sehr geschickt. Mein fragender Blick bedurfte keiner Übersetzung, denn der nette Beamte wies mich auf einen Zettel mit verschiedenen Namen und Telefonnummern hin, der an der Wand hing. Nach längerem, bestimmt 10-minütigem Abwägen empfahl er mir die erste Nummer. Hierunter würde ich die beste Mitarbeiterin erreichen. Oh nein, dachte ich, was für eine Mission. Falsch gedacht: Mein Telefonat mit ihr dauerte keine 2 Minuten. Ich solle ihr ein Foto von Reisepass und Visum schicken, per Whatsapp. Drei Tage später bekam ich dann auch meine TiN – natürlich auch per Whatsapp. Zu viel Datenschutz macht das Leben nur umständlicher… (-;


Grundsätzlich ist es in Rwanda so, dass vieles länger dauert als man denkt und berechnet. Schafft man es, sich von seinem Terminkalender zu lösen, wird das Leben wunderbar entschleunigt. Beispielsweise wollte ich ein paar Bretter und Leisten kaufen, um einige einfache Möbel zu bauen. Nun haben wir einen sehr netten Nachtwächter, Nyandwi heißt er. Das bedeutet „der 7“ – und hat weniger mit James Bond als vielmehr mit seinen 6 älteren Geschwistern zu tun. Als Guard wacht er allerdings nicht die ganze Nacht und kann uns dafür tagsüber bei vielen Dingen des täglichen Lebens helfen. Nur spricht er leider kein deutsch (war zu erwarten). Obendrein auch kein englisch oder französisch (ist in Muhanga leider auch oft der Fall). Das ist natürlich an sich kein Problem und bei einer Schulbildung am staatlichen Einrichtungen auch die Regel, nur macht es unsere Kommunikation dank meiner Kinyarwanda-Kenntnisse, für die rudimentär schon eine Übertreibung wäre, nicht wirklich einfacher. Nachdem ich ihm also mit Händen, Füßen und google translate erklärt habe, was ich benötige, fahren wir ins Industriegebiet. Dort will ich mir meine Bretter aussuchen, allein es gibt gar keine. Dafür aber dicke Holzplanken. Also lerne ich, dass man die Planken kauft, die dann vor Ort auf die gewünschte Breite und Dicke gesägt und gehobelt wird. Also zumindest annähernd. Natürlich erst, nachdem man eine Weile um den Preis gefeilscht und versucht hat zu verhindern, dass man nur krumme und marode Planken verkauft bekommt. Sehr spannend zu sehen. So kaufe ich also 20 Bretter und 10 Leisten in 90 Minuten. Man muss sich eben nur lösen von diesem Zeitdruck. Die Qualität meiner Bretter war steigerungsfähig, aber nun weiß ich wie es funktioniert.

Und man muss lachen können im Alltag. Am besten gemeinsam mit anderen, denn die lachen auch oft über uns. Das ist schon irritieren, wenn man allerdings in Begleitung eines Dolmetschers unterwegs ist erfährt man, dass die Ruander bei ihrem Lachen fast ausschließlich positive Dinge über uns sagen. Was scheint wie ausgelacht werden ist also meist eher ein herzliches angelacht werden. Mitlachen hilft.
Neben der Disziplin des Mitlachens gibt es auch noch die des über-sich-selbst-Lachens. Fast noch wichtiger: Unser Garten glich mehr einem Ackerland, und nachdem wir etliche Pflanzen gekauft und gepflanzt hatten (der Kaufprozess dauerte Tage und ist eine eigene Geschichte wert) blieb noch die Herausforderung, dort Gras wachsen zu lassen. Dieses wächst hier im Allgemeinen sehr schnell, ob man nun daran zieht oder nicht – nur wenn es eben gar überhaupt noch keines gibt kann man A nirgends ziehen und B wächst auch nichts. Diese Problematik habe ich mehrfach mit Nyandwi erörtert, und ihm versucht mit Hilfe von Englischem-Rasen-Fotos zu erklären, was ich möchte. Imbuto brauchen wir, Imbuto für Gras, also Gras-Samen. Nayndwi verstand und wir zogen los. Zunächst auf den Markt. Zwischen all dem Obst und Gemüse hätte ich nie Grassamen erwartet, aber man wird hier häufig überrascht. So auch dieses mal. Denn er zeigte mit Äpfel und Papaya, die hätten ja auch Samen. Wieder zücke ich mein Handy, zeigen Bilder von Gras und Samen und sage Imbuto Imbuto, und: Er versteht. Hier sind wir falsch bedeutet er mir, ach so, wir müssen ans andere Ende der Stadt. Dort angekommen werden wir nun Konservendosen mit Karotten und Erbsen angeboten, und ich verzichte darauf herauszufinden, ob es sich um Samen oder das fertige Gemüse handelt. In einer Mischung aus Verständnislosigkeit, Frust und Belustigung zeige ich nun auf jedes Stück Gras das wir passieren, und siehe da, am nächsten Tag bekomme ich meinen Rasen. Nur wird dieser hier nicht gesät, sondern in Form von einzelnen kleinen Grasbüscheln über die ganze Fläche verteilt gepflanzt. Da ist dann selbst google translate machtlos…

Es gibt noch so viele Geschichten dieser Art, von dem Versuch, an Lillies Geburtstag Schwimmen zu gehen, von der Beglaubigung einer Kopie von der Kopie oder vom unerwarteten Besuch der Familie unseres Guards.

Im Endeffekt lernen wir uns lernen wir, Kultur und Sprache zu verstehen, zu lachen, und immer einen Plan B zu haben. Oder, im nächsten Level angekommen, eben gar keinen konkreten Plan zu haben. Nur ist das mit den Kindern nicht immer ganz so einfach.

Netterweise machen es uns die Ruander mit ihrer freundlichen, aber unaufdringlichen Art so leicht wie möglich. Trotzdem fällt es uns nicht immer so leicht, wie es in den Geschichten danach klingt. An manchen Tagen ist es so richtig schwer – besonders wenn die Kinder das Haus nicht verlassen wollen, aus Angst angestarrt zu werden. Oder wenn man zurück denkt, was man an den letzten drei Tagen hätte schaffen wollen.

Doch so langsam spürt man diese leise Vorahnung, dass man sich an diese Lebensweise auch ein Stück gewöhnen könnte… Und wir freuen uns, wenn Jakob dann doch mit den Nachbarjungs Fußball spielt als hätten wir eine Lohnerhöhung erhalten.

Wie anstrengend ist es hier, in einer fremden Kultur, an manchen Tagen. Und wie leicht für uns, die wir mit Geld hier sind, freiwillig, ein schönes Haus haben, ein Auto. Dann denke ich an so manche Flüchtlinge in Europa, in einer Situation wie wir, fremde Kultur, fremde Sprache, keine Ahnung wie man Bretter kauft. Und dann noch kein Geld, kein Auto, und keinen, der mit einem lacht auf der Straße.

Heute hat mich doch gleich ein Ruander in gutem Englisch hier in unserer Nachbarschaft gefragt, ob ich noch Freunde brauche, und mich dann gleich in die Geheimnisse unseres Viertels eingeführt. Wie dankbar war ich für diese Begegnung, it made my day!

Es gibt Menschen die sagen, Gott habe ihnen genau gesagt, dass hier oder dort ihr Platz ist. So etwas konnten wir noch nie von uns behaupten. Aber uns beschleicht das Gefühl, dass wir hier an einen Ort geführt wurden, an dem wir geben und nehmen, lernen und Leben teilen dürfen, so dass wir und die Menschen hier davon profitieren.

Morgen starte ich Versuch #3, unser Auto auf mich um zu melden. Vielleicht ist das auch eine Geschichte wert. So wie auch der Besuch des Gottesdienstes hier…

Herzliche Grüße (-*