Ein Integrations-ABC, das nach C aufhört. Die P1B und das große Spiel.

Ein Integrations-ABC, das nach C aufhört. Die P1B und das große Spiel.

30. April 2022 0 Von Eva

Integrations-ABC

  • Alles braucht seine Zeit
  • Bitte langsam
  • Coolness hilft

Weiter komme ich nicht.


Gestern kam mein Sohn aus seinem Nachmittagsprogramm.
Er geht nachmittags manchmal in die P1B.
Primary 1B. Ich ging in der Schweiz zur Schule. Auch in die 1B (und habe sage und schreibe 2 Jahre gebraucht
um mich von Deutschland auf die Schweiz umzustellen – mindestens.)
In seiner Klasse ist diese Woche Thema Wasser. Amazi. L’eau. Water.
Ja, dreisprachig. Die wichtigsten Begriffe und Bedeutungen dieses Wochenthemas
werden 3-sprachig im kleinen Klassenraum verteilt, an die Wand gehängt, auf die
Tafel geschrieben und an die Tische geklebt oder direkt auf den Wassertank.
Alles rund ums Wasser darf (dreisprachig!!!) erforscht und entdeckt werden.
Schon beim ersten Betreten dieser Klasse war ich beeindruckt von der
Umsetzung wichtiger „early childhood Education Standarts“.


Verschiedene Töpfe, ein Wassertank mit zerbrochenem Filter, Wasserflaschen, Seifen,
Schwämme, Duschschläuche, ein Duschkopf, Wasserhahn, eine ungebrauchte neue Klospülung und
viel anderes Material und Werkzeug rund um das Wochenthema liegen im Zimer verteilt.
Die Kinder verteilen sich und forschen, womit sie wollen. Manche sitzen an Tischen
und malen Geschichten und schreiben Geschichten zum Thema. Manche malen aus ihrem Alltag.
Viel Regen und die Hauswand bricht ein, oder kein Wasser seit einer Woche – das heißt jeden Tag mehrere sonnengelbe Kanister Wasser im Tal aus der Quelle holen. Hoffen, dass man nicht krank wird. Kein Wasser und im Klassenzimmer riecht es diese Woche entsprechend. Nicht ohne – so ganz ohne fließend Wasser.
Die Duschschläuche mit Wassertankverbindung sind hoch im Kurs und auch die Klospühlung.
So viel Technik, so viel Physik in diesem banalen Stück Plastik. Benutzt als Schaltung des Kleinbusses, den Blessing fährt. Und seine Insassen zwischen Musanze, Kigali und Muhanga für Ijana (100 = 10 Cents) hin und her fährt. Oder auch Howard und Eric, die sich gegenseitig mit der Klospülung abschießen. Die Mädels spielen, sie würden sich die Haare waschen und sie sich dann schön machen. Aber auch gefiltert, umgefüllt und gerührt wird wie wild.
Erforschen. Erkunden. Entdecken. At its Best.
Zwischendurch wird der Buchstabe W – w geübt. Passend zu Water. Dazu steht an der Tafel eine Drei-sätzige Geschichte über einen Jungen, der mit Wasser experimentiert.



Freitags kommt mein Sohn freudestrahlend aus seiner Klasse mit folgender Entdeckung:
„Das Coolste heute war, dass wir aus der Klospülung, bei der man doch diese 2 Knöpfe drücken kann
eine Duplo-Stein-Klospülungs-Schleuder gebaut haben. Man muss nur zweimal drücken und schon kann man die Duplos quer durch den Klassenraum schleudern. Das war mega. Aber ich weiß auch nicht, was die Mädels haben ….“ sagt er und zieht seine Schultern hoch. ; )



„Der Eine in meiner Klasse, der ist zwar echt klein, und ich bin ja der Größte, aber
vielleicht könnten wir trotzdem Freunde sein.“ Mein Sohn stellt fest, trotz der offensichtlichen Unterschiede – nicht nur bezüglich der Herkunft, des Lebensstandards, der Erfahrungen, der Sprachen, der Hautfarbe, sondern sogar der Körpergröße. Trotz der Unterschiede können wir Freunde werden. Kennen wir großen Menschen in der Theorie sehr gut. Aber das echte Leben, Aushalten und sich-sogar-befreunden mit den Unterschieden bis hin zur Freundschaft ist kein Kinderspiel.

Die Schönheit dieses Tages lag in der kindlichen Entdeckung, dass Freundschaft und Verständigung trotz offensichtlich großer Unterschiede und Größenunterschiede möglich ist. Erstrebenswert und reichlich angenehm.
Ich beobachte, dass die Angst vor dem Ganzanderssein von mir und meinem Gegenüber, langsam weniger wird.
Wir erleben viel. Machen Erfahrungen, die sich auf die Angst setzen, die uns neu zeigen, wer wir sind und wie wir sind. Die Angst wird weniger. Das Spielen wird mehr. „Mama, wenn ich so richtig eingespielt mit, dann kannst du gehen“. Große Weisheit schwarz auf weiß.


Wie lange dauert es denn, bis man eingespielt ist? Wie lange, bis man als Ehepaar eingespielt ist. Wie viele Jahre üben Geschwister sich ein-zuspielen. Wie lange braucht ein Projektteam – um als solches große Ausschreibungen zu gewinnen und Projekte zu realisieren? Sich ein-spielen mit der Kultur, der Fremdheit, dem Anderssein des Anderen. (Selbstwenn er aus dem gleiche Land kommt, wie du).

Konfrontation mit dem eigenen Anderssein ist nicht einfach. Meistens eher unangehm. Die ausgeprägten Kontraste pieksen uns an und jeder des Ruanda-Quartetts reagiert anders. Hat andere Coping-Strategien. Konfrontation ist kein Selbstläufer. Uns Vier woanders umzuziehen ist kein Selbstläufer. Sichere Integrationsräume und Erlebnisräume für die Kinder zu finden geschieht nicht nebenbei und die Kinder kommen (bei uns) nicht ganz von alleine an. Können weder nach 3 Monaten die Landessprache noch streifen sie allein und selbständig, wild und frei wie Ronja Räubertochter durch unsere Nachbarschaft und suchen sich ihr Spielzeug aus Naturmaterial aus dem Feld oder aus dem Nahegelegenen Eukalyptus Wald.

Nein. No. Oya.


Integration kostet. Konfrontation kostet. Braucht Zeit. Die Kosten sich etwas zu trauen – sind hoch. Ich würde sogar sagen: Es ist eine sehr anstrengende, aufregende wenig anmutige Arbeit. Arbeit, die alle Seiten benötigt. Einen engagierten Lehrer, eine engagierte Mutter, einen engagierten Jungen, viele engagierte Kinder – die sich irgendwo rund um das gemeinsame Spiel finden wollen und sich gegenseitig er-finden. Familie Mensch in vielen Individuen, einem afghanischen Arbeitnehmer, einer deutschen Mama, zwei amerikanischen Kindern aus Bosten, ein „Andere“ und ein „Anderer“, viele einzelne „Anderen“, die sich rund um eine Plastikklospülung setzen und tüfteln bis sie eine gute Lösung haben, um ihr Spiel, das große Spiel des Lebens, zu spielen,- um endlich die bunten abgenutzten Duplosteine quer durch den Raum zu schleudern und sich gemeinsam schlapp zu lachen.

„Mit einem Lächeln kommt man wirklich immer an,
weil man ein Lächeln – überall verstehen kann.“

Lachen. To Laugh. Rire. Guseka.

Timmi, der Raketenflieger, neuste Sandmann-Episode