Nachbarschaftsgeschichten

Nachbarschaftsgeschichten

13. Juni 2022 1 Von Eva

Ich habe eine Freundin hier. Sie ist schlecht in der Schule. Das hat viele Gründe. Und gut im Herzen. Ganz gut.
Da fragt man sich, was eigentlich wichtig ist??

Ich habe Nachbarn, die ein offenes Leben leben, Rastafari, behandeln die Mutter Sonne und Vater Erde und ihre Lebewesen so respektvoll. Mit wunderschönem Garten und kreativer Inneneinrichtung. Ich war noch nie ohne süßliche Duftwolke auf ihrem Grundstück. Sie fragen nach afrikanischer Spiritualität. Was glaubten unsere Omas und Opas, unsere weisen Alten, wie leben wir heute?
Sie haben so viel Stil und Sinn für Ästhetik. Eine Frau dieser „Kommune“ kombiniert afrikanische Stoffe mit den neusten Häkelmethoden und erschafft Kleidchen für ihre Tochter, die ein herzhaftes lautes Kinyarwanda spricht und Angst hat, in einem Auto zu fahren (weil erst 2 x im Leben).

Kinderspiele. Kleine. Kann ich knapp auf Deutsch und knapp in Kinyar.

Wir haben eine Nachbarin, die aussieht wie ein Model. Und dazu in Laufsteig Manier durch unser Dorf läuft. Sie ist Adventistin. Sie isst gerne Tofu und kocht ihn wunderbar. Sie kann gut nähen. Sie ist Mutter eines hübschen Zweijährigen. Sie ist auf wunderschöne Art STOLZ und aufrecht. Sie strahlt. Jeden Tag, ohne Makeup. Ohne Glitterglow oder Green Cosmetics. Sie bewohnen zu viert ein kleines feines Lehmhaus. Oft ohne Strom. Ohne fließend Wasser. Mit Wohnzimmer. Schlafzimmer, Koch- und Waschecke und eventuell auch einer Art Toilette.
Sie wohnt umgeben von hohen Bananenstauden ihres Schwiegervaters. Vor ihrer Tür wächst ein Strauch mit kleinen Chili-Paprika Schoten (Urusenga), aus denen Pilipili zubereitet wird. (Pili-Pili ist ein äußerst scharfes Chili Öl).

Ich habe einen jungen Mann kennengelernt, der als Fahrradtaxifahrer arbeitet. Tagein tagaus. Auch nachts, ohne Licht, versteht sich. Was für deutsche Augen, die in der Dunkelheit versuchen Auto zu fahren, fürchterlich überfordernd und gefährlich ist. Viele Fahrrad- und Mototaxi-Fahrer gestalten ihr Bike und Bicycle – sie dekorieren, kleben, schreiben, sprayen pimpen ihre Räder. Dieser junge Mann hat an die Stelle, an der in Deutschland bei jedem Fahrrad ein möglichst helles Vorderlicht ist – ein kleines Kreuz mit Jesus (Yesu) geschweißt. Er fährt. Und sein kleiner Jesus allen voran. Direkt dahinter klebt ein Aufkleber mit UBUNTU. UBUNTU ist bedeutungstief. Reich an Geschichten. Es beinhaltet den Glauben an die Würde aller Menschen, Compassion for community, ein Herz zu Helfen und human Kindness (zu Ubuntu ließe sich ein ganzes Buch schreiben, dies nur Auszug des ruandischen Verständnisses).

Ich frage mich ...
Was macht mich stolz und kann man es mir auch ansehen?
Wie viele Deutsche kenne ich mit einer Ausstrahlung wie die unserer Nachbarin?
Was ist an der Mode- und Kosmetikindustrie dran oder sind Strom und fließend Wasser denn wirklich so nötig? Was macht glücklich und reich und schön?
Wie gehe ich mit Mutter Sonne und Vater Natur um?
Wie definiere ich Stil?
Why do I over-complicate my life? Wirklich? Warum mache ich es mir oft so schwer und so kompliziert?
Und das Wichtigste am Ende: 
Wie kann ich lernen Tofu so gut zuzubereiten?

Bildung in allen Ehren, aber auch Herzensbildung, bitte. Kann es sein, dass Herzensbildung die Grundlage schlechthin ist. Für Kreativität. Für Mut. Für Intellekt. Für Weite. Und UBUNTU?

in Verbundenheit,
um die halbe Welt

eure Eva*