Ein bisschen Forrest Gump

Ein bisschen Forrest Gump

22. Juni 2022 2 Von Jörg

Gelegentlich spiele ich in Kirinda abends mit jungen Männern aus Krankenhaus und Dorf Fußball. Mir macht das viel Spaß, da beim Fußballspielen die sonst manchmal so schwer überbrückbaren Unterschiede in sprachlicher, materieller, kultureller und ethnischer Hinsicht plötzlich unerheblich sind. Nun, Herausforderungen gibt es schon, diese liegen allerdings eher in meiner langsam verfließenden jugendlichen Energie, den vielen Kaninchenlöchern auf dem „Rasen“ und den Kühen und Kuhfladen auf der Außenbahn, die manches Mal einen zusätzlichen Abwehrspieler geben. Beeindruckend ist dabei auch die Einstellung meiner Ball-Gastgeber: sie sind sehr ehrgeizig und wollen gewinnen, und doch darf jeder mitspielen, auch wenn er von 5 Pässen 3 zum Gegenspieler und 4 ins Seitenaus spielt. Das ist eine tolle Mischung und befreit mich mittelmäßig begabten Kicker – auch wenn dann der Musungu doch noch etwas mehr kommentiert wird als die anderen.

Letzten Donnerstag also nahm mich wieder einer unserer jungen Ärzte mit zum Kicken, diesmal allerdings auf einem anderen Platz (der nicht weniger bauliche Herausforderungen mit sich bringt). Davor trafen wir noch den Direktor einer lokalen Schule, der ebenfalls teilnehmen wollte. Auf dem Weg zum Spielfeld stellte sich dann jedoch heraus, dass der Schulleiter davon ausgegangen war, dass wir alle zusammen joggen würden, was mehr seiner Leidenschaft entsprach als das Jagen eines Balles. Die mir aufgedrängte Entscheidung für unsere 3er Gruppe zu treffen blieb mir am Ende doch erspart, da beim Anblick des Fußballplatzes sich erstens der junge Arzt nicht mehr zurückhalten konnte und sofort einer Mannschaft anschloss und zweitens ich mich aufgrund der großen Menge an spielwütigen und deutlich jüngeren Einwechselspielern dann schnell für die Laufeinheit erwärmen konnte.

Also zogen wir los.

Wir liefen auf kleinen Pfaden den Hang hinunter, auf der staubigen Schotterstraße, die nach vorbeirauschenden Autos einem schlangenförmigen Sandsturm ähnelte, über den großen Nyabarongo Fluss, an dessen Brücke stets Maiskolben gegrillt und verkauft werden, um dann schließlich in einen angenehmen Weg die Hügel hinauf einzubiegen. Und Hügel gibt es hier wahrlich genug, bzw. es gibt eher kaum gerade oder ebene Strecken, und dabei ist kaum noch übertrieben. Landschaftlich ist dieses Stückchen Erde dafür schwer zu überbieten, und joggen ist wohl neben Fahhradfahren die beste Art, ständig in neue wunderschöne Täler zu blicken und ärmliche und doch schön gemachte Häuser und Menschen zu bestaunen.

Wenn man allerdings glaubt, man hätte diese Idylle für sich, dann hat man sich getäuscht. Nun hatte ich einen sehr angenehmen Joggingpartner. Er sprach ausreichend Englisch, um sich zu verständigen, es gab genug gemeinsame Themen und wir konnten auch schweigend nebeneinander her laufen, ohne dass diese Stille ungemütlich wäre. Darüber hinaus gab es noch eine weitere Verbindung zwischen uns: auf seinem Trikot, dass er zum Laufen trug, erkannte ich nach mehrmaligen Hinsehen die Aufschrift FC Reutlingen (oder SC oder so ähnlich). Als ehemaliger tübinger Student, der sogar sein Praktisches Jahr in Reutlingen absolvierte, kommt einem das in Afrika fast wie ein Familientreffen vor.

Nur, wie dies in Ruanda eben so ist, wenn man als Weißer auf dem Land unterwegs ist, man bleibt nicht allein. Zunächst schlossen sich uns 2 Teenager an, von denen einer ein Huhn auf dem Arm trug. So liefen also der Lehrer, der Muzungu, die Teenager, das Huhn, und der Bauer mit den Gummistiefeln, der gerade vom Feld kam, gemeinsam den Hügel hinauf – weil wir nunmal den gleichen Weg hatten. Und dann tut man sich eben zusammen. Später, nachdem unsere Trainingspartner ihr Ziel längst erreicht hatten, waren es ein junger Mann mit seiner Kuh, die uns begleiteten, kurz danach 5 Grundschüler auf dem Weg nach Hause. Gesprochen wurde nicht viel, nicht einmal das sonst oft gehörte „give me money“. Der Lehrer unterhielt sich natürlich kurz mit den Schülern, und alle freuten sich wenn ich meine wenigen Kinyarwandaphrasen mehr oder weniger geschickt einsetzte. Kurz vor der Nyabarongobrücke schloss sich uns eine Gruppe junger Erwachsener an, in Feierlaune und teilweise zusätzlich motiviert vom Genuss berauschender Getränke – sowie eine Mutter mit auf dem Rücken geschnallten Baby. Spätestens jetzt fühlte ich mich an den Klassiker Forrest Gump erinnert, die entsprechende Szene ist sicher allen bewusst (Ansonsten sollte man den Film dringend ansehen). Auch wenn es hier natürlich nicht so war, dass ich andere zum Laufen motivierte, entstand doch immer wieder so eine kurze nette Gemeinschaft, die eben durch Sport so beispiellos einfach zu erreichen ist.* Und dieses gemeinsame auf dem Weg sein verbindet, und dazu muss der Weg noch nicht einmal lang sein.

Am Ende wurde es langsam dunkel, nein schnell dunkel, aber dieser kurze Moment der Dämmerung, in dem die schöne und saftig grüne ruandische Hügellandschaft gerade noch zu erkennen ist, die Temperaturen sich dem Optimum für Marathonrekorde annähern und in dem sich über dem müden Läufer ein endloser Sternenhimmel aufspannt, allmählich aufleuchtet, als würde jemand unendlich langsam einen Dimmschalter drehen – in diesem Moment fühlte ich mich so zu Hause, so befreit von vielerlei Anstrengung, so dankbar dem guten Gott, der wie ich glaube dies alles irgendwie komponiert hat.

Und gleich ist er schon vorbei, der Moment, so wie eben wenige Kilometer südlich vom Äquator der Vorhang fällt. Und wo gerade noch warmes Abendlicht war herrscht umwijima – Dukelheit (oder auch Leber, aber das passt gerade nicht in den Kontext). Dort oben leuchten die Sterne, und unten leuchten wir, nämlich die weißen Beine des Musungu und der Schriftzug FC Reutlingen am Rücken des Schulleiters.

In jeder Nacht, die mich umfängt, darf ich in deine Arme fallen.
Und du, der nichts als Liebe denkt, wachst über mir, wachst über allen.

Jochen Klepper

*Durch Musik vielleicht ebenso, allerdings sorgen meine musikalischen Fähigkeiten eher zum Auflösen jeder Art von Gemeinschaft