„Finde deinen inneren Schirach“, über Becca, ihr herzhaftes Lachen und unsere Weltfamilie


„Finde deinen inneren Schirach“ – mit diesen Worten werde ich aus der Küche – nein, keiner Ikea-Einbauküche, überhaupt keine Einbau-Küche, einige Regale, offen, zwei schrägschöne Schubladen und eine Abspülkonstruktion – aus der Küche geschickt. Um mich zu sammeln und „meinen inneren Schirach zu finden“. Immer wieder, in Phasen meines ach so jungen, tendenziell durchschnittlichen und doch alternativen Lebens wandere ich auf dem Weg nach Innen. Nach starker und leiser Ruhe. Den inneren Schirach finden, die stoischen Abläufe eines klaren Lebens entwickeln, in denen Routinen und schwarzer Kaffee vorherrschen, aus denen Weisheit fließt und ein Kondensat aus Tiefe, Präzision und Alltagsrelevanz meinen Schreibstil formt. Also gehe ich raus, setze mich an unseren scheppschönen handgetischlerten Tropenholztisch und beginne zu berichten. Von einem Samstag im September in Rwanda.


Nach einigen Kuschelminuten mit den vier Babyhasen, der Verabschiedung der zwei ruandischen Sommerfreundinnen meiner Kinder, Sauerteigbrot aus dem Ofen fast verbrannt, leider zu lange drin und dadurch an Sauerteigsaftigkeit eingebüßt, steigen wir Fünf in unsere alte Dame (ein alter silberner Mitsubishi Pajero) um an einem Samstagmorgen zu unserem kirgisischen Zahnarzt in Rwandas Hauptstadt zu fahren.
Die Verabschiedung der Mädels war emotional. Sie haben in den drei Monaten Sommerferien kaum English gesprochen haben, nur Daumen hoch und „no“ und sich sonst hauptsächlich über Spielen und die internationale Sprache verständigt. Die Große sagt zum Abschied: I love you and I will never forget you. Wir umarmen uns, wünschen uns gute Reise und dass Gott uns gegenseitig mehr und mehr segne. More Blessing. Die Große läuft mit einem kleinen Paket Kleidung, mit neuen schwarzen Ballerinas, in ihren gelben Schlappen, mit frisch lackierten Nägeln zwei Stunden nach Hause. Von Becca haben wir gelernt delikate glutenfreie Cassavabällchen zu kochen*, wir haben uns einige „Dancemoves“ abgeschaut und erlebt, wie sich eine 14-jährige einen ganzen Sommer um eine 6-Jährige kümmern kann. Becca ist 14 Jahre alt und sieht aus wie 10 oder 11. Aber wer sagt schon, wie 14-Jährige in Rwanda auszusehen haben. Sie ist eher schmal und klein, hat einige Unverträglichkeiten (Milch und mehr). Sie kommt aus einer kinderreichen Familie und ihre Eltern waren froh, als sie als „Ferienaupair“ für eine 6-Jähirige angefragt wurde. Ein Kind weniger im Haus, das es zu ernähren gilt. Das hilft. Becca ist damit aufgewachsen Verantwortung zu übernehmen. Für ihre jüngeren Geschwister stundenlang. Sie war schon immer – wie viele anderen älteren Geschwister – die „Nanny“ für die Jüngeren.
So kam es, dass diesen Sommer, diese Trockenzeit 2022, diese Sonnenzeit öfters angenehmer ruandischer Mädchenbesuch bei uns mitgelebt hat. Es wurde geschaukelt, gespielt, Räuber und Gendarmen gejagt, wassergeschlachtet, gekocht, gemalt, geklebt, genäht, geweint, gestritten, sich versöhnt, genascht. Es wurden Ausflüge gemacht und große Shows besucht, auch lackiert wurden Nägel von Füßen und Händen. Es wurde gegrillt und getanzt. Tanzen zum Beispiel wurde uns nähergebracht. Bewegungen voller Coolness und Lässigkeit, die ich nie so gut imitieren werde, wie sie es frei Bauch macht. Wenn Musik (z.B. MONALISA – LOJAY X SARZ X CHRIS BROWN) läuft reicht auch eine smarte kleine Bewegung, um anzuzeigen, dass man dabei ist, den Song kennt und im Zweifelsfall wüsste, wie es sich zu bewegen gilt. Gehört alles nicht zu meinen Kernkompetenzen. Aber wir lernen. Lernen. Lernen. Auch kleine Moves, minimalistische Bewegungen der Kommunikation. Es ist nicht viel nötig, um große Dinge mimisch zu erzählen. „Entweder man hat den Style oder eben nicht“, dachte ich mir oft. Oder man ist so reich wie wir mit ruandischen FreundInnen. Wir lernen Smartness und Coolness in minimalistischster Ausführung. Augenbrauen hochziehen genügt, Daumen hoch und minimal abnicken, auch das ist bedeutungsschwer.



Mit der trockenen Sauerteig-Grillkruste sitzen wir im Auto nach Kigali, zu unserem Zahnarzt. Unsere Jüngere wurde die vergangenen 48 Stunden immer wieder für ihren 2. Zahnarztbesuch ihres Lebens „gebrieft“. Nur um dann Vorort festzustellen, dass unser Wahnsinnsarzt nicht nur kinderfreundlich ist, sondern auch einen Bildschirm mit verschiedensten Youtubekanälen für die zähen Minuten der Untersuchung zur Verfügung hat. WIN WIN WIN. Für Kinder, Eltern und Ärzte. Von ebendiesem Wahnsinnssarzt werden wir nachmittags in spontan ruandischer Manier auf einen Café eingeladen. Der Café entpuppt sich als kirgisisch-rwandisches Drei-Gänge-Menu in einem stabilen Haus in Kigali. Als wir ankommen blicken uns zwei starke Schafe (von denen das Braune einen Aggressions-Issue hat) und ein Mädel im Kinderwagen groß an. Die Hausschafe und die kleinste Tochter des Hauses, wie wir schnell lernen. Nach und nach füllt sich die Terrasse. Zwei Südkoreanische Familien mit 3 Kleinkindern, tiefschwarzen Haaren und Haarschnitten bereichern die Runde. So sitzen wir mitten in Kigali, an einem Samstagabend, zu Gast bei einer liebevollen Familie. Die Kinderschar freut sich über Limo, Pommes und Rindfleisch, jagt durchs Haus, während zwei südkoreanische Familien, ein deutsches Paar und die kirgisischen Gastgeber sich vor reich gedecktem Tisch mit internationaler Fusion-kitchen über Medizin, Erziehungsstile, Kochen, Taekwondo, Imana und Allah, Kunstunterricht für die Kinder und Entwicklungshilfe im medizinischen Bereich unterhalten. Die Kinder spielen auf English und International. Und ich bemerke, dass wir angekommen sind. In Ruanda, aber noch viel Mehr, in der Weltfamilie. In der Weltfamilie, die über Herkunft und Hautfarbe und Haustiere, Religion und über Sprache hinaus gemeinsame Herzenswerte und Herzensbildung anstrebt. Familie Mensch, wie Chr. Brudereck sie nennt, unsere Weltfamilie beschenkt mit Goldkern (oder auch Gottkern) entdecken wir in Beccas herzhaftem Lachen und ihren stolzen Bewegungen, treffen wir überraschend beim regionalen Zahnarzt unseres Vertrauens und seinen starken Schafen, finden wir in südkoreanischen Taekwondo Meistern und der gemeinsamen Sprache der Kinder – spielen auf International.


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*Wer das Highend glutenfreie Rezept für die Cassavabällchen haben möchte, melde sich gerne bei mir. Ist ganz einfach. : ) (Cassava = unsere regionale „Maniokwurzel“, wahrscheinlich geht auch Yam oder ähnliches)