Ein Versuch, ein Essay, ein Anfang – nach einem Jahr Lebensschule Rwanda
Ein Versuch oder vielmehr ein Tunwort „essayer“ – eine Skizze aus einem Jahr voller Lerndichte.
Zurück in der 1. Klasse der Kulturen, 1. Klasse des Dialogs, 1. Klasse, ABC eben. Schreiben und Lesen lernen. Gesichter lesen und Kinyaruanda schreiben lernen. Wie buchstabiere ich hier Entwicklung, Geld, Freundschaft und Zukunft?? Ein Jahr leben in Ruanda. Nicht in der Hauptstadt. Nicht sehr deutsch. Dörflich. In einem Vorort einer ruandischen Kleinstadt. Eben leben ohne Einbauküche. 365 Tage schlafen unter Moskitonetzen. Mit nur 10 Stichen pro Familienmitglied. Ein Jahr deutsche Fernschule – fliegendes Klassenzimmer. Das deutsche ABC ist stabil gelernt – sitzt – zumindest bei meinem Sohn. Erstleserbücher in 10-Minuten-Abschnitten durchgelesen und Buchstaben feinsäuberlich korrekt in der Lineatur schreiben geübt. Das allein hätte uns schon oft gereicht. Aber viel mehr noch durften wir uns mit dem ruandischen ABC – den unsichtbaren Kulturen, den sichtbaren Benimmregeln, den Don´t s und den Do`s um uns herum beschäftigen. Buchstaben für Buchstaben lernen. Die Buchstaben eben nicht nur in der Lineatur pingelig korrekt nachspuren und wiederholen – vielmehr die subtilen Nuancen des ruandischen „how to live“ erlernen.


Was steht wohl in unser aller Zeugnis – ein Jahr Schule Ruanda: viele Kulturen erlebt, Buchstaben A bis Z gelernt, teilweise mit burundischem Akzent, mit kongolesischen Untertönen, Buchstaben mit politischem Anstrich teilweise verstanden?
Dronen die täglich über die Startrampe geschossen werden. Dabei ein leises Klicken, das zu hören ist.
Startklicken. Tropische Vögel, klein und mit spitzen langen Schnäbeln, gut getarnt in der bunten Pflanzenpracht unseres Gartens und der anliegenden Felder – Geräusche, sciencefictionfilm-ähnlich, die sich für Stuttgarter Ohren fremd anhören und nicht zuordnen lassen. Genauso wenig die Sprache – Kinyaruanda – eine Bantu-Sprache, hochgradig komplex, mit gerolltem starkem „rr“, mit scharfem S, und sonst ganz sanft in der Aussprache. Doch unsere Ohren können Worte und Geräusche unseres neuen Kontextes nicht einordnen. Kaum zuordnen. Für die neue Sprache und Geräuschkulisse fehlen uns kulturelle und linguistische Anknüpfpunkte.
Noch nie im Leben lebte ich neben einer Dronen-Startrampe. Niemals zuvor für über ein Jahr in den Tropen. So nah am Äquator. Ich weiß jetzt wie Bananenstaudenblätter, von Wind und Regen in kleine Streifen gerissen sich anhören, wenn sie vom Wind aneinander geklatscht werden. Bananenblätter Papierkonzert. Klatschende Papierhände. Das Geräusch gab es nicht. Gibt es jetzt.

Geräusche und Worte, die schwirren und schwirren, bis sie irgendwann landen können. Im neuen Innenrelief. Einem interkulturellem Dasein. Einer etwas bewussteren Multikulturalität.
Und nun: „Savoir vivre“ in Rwanda – bestanden? Fortschritte sichtbar?
In Ansätzen? Guter Versuch, weiter so! Oder Durchgefallen?
Froh, kein schriftliches Zeugnis zu bekommen beginne ich mit dem A.